Amatis Trio
Thomas Quasthoff – Rezitation

Thomas Quasthoff

Foto: © Gregor Hohenberg

2. Konzert

Sonntag, 4. Oktober 2026 · 19:30 Uhr

Programm

„Humanity in War“: Feldpostbriefe und Tagebücher aus dem Ersten Weltkrieg

Musik u. a. von:

Erich Wolfgang Korngold
Anton Webern
Fritz Kreisler
Dmitri Schostakowitsch

Künstler

Foto: © Marco Borggreve

Amatis Trio

2014 gegründet und in Salzburg beheimatet, spielte sich AMATIS mit seiner außergewöhnlichen Energie, künstlerischen Freiheit und seinem unverwechselbaren Klang rasant an die Spitze der internationalen Kammermusikszene. 

Die deutsche Geigerin Lea Hausmann, der britische Cellist Samuel Shepherd und der niederländische Pianist Mengjie Han lieben es, Brücken zu bauen – zwischen Tradition und Gegenwart, zwischen Musik und anderen Kunstformen, zwischen Bühne und Publikum. 

Internationale Festivals wie die BBC Proms, die Mozartwoche Salzburg oder das Edinburgh Festival sind ebenso Teil ihres Konzertkalenders wie Konzerte in Londons Wigmore Hall, dem Concertgebouw oder der Elbphilharmonie. 

Das Trio konzertierte bereits in 48 Ländern und gab 2025 unter anderem sein Debüt in Japan. Anfang 2026 kehrte es zur Salzburger Mozartwoche zurück, bevor weitere Auftritte in Großbritannien, Spanien und China folgten. Mit ihren genreübergreifenden Projekten wie „Catch-As-Catch-Can“ mit Jazzpianist Michael Wollny oder „Clouds“ mit Ib Hausmann sprengt AMATIS ganz bewusst die Grenzen klassischer Konzertformate.

Seit 2019 sind sie Gastdozenten an der Uni Cambridge, geben regelmäßig Meisterkurse und unterstützten die Mehli Mehta Foundation in Indien mit ihrer Lehrtätigkeit.

Lea Hausmann spielt eine Violine von Jean-Baptiste Vuillaume, die ihr großzügig von der Beares International Violin Society zur Verfügung gestellt wird.


Foto: © Gregor Hohenberg

Thomas Quasthoff

Fast vier Jahrzehnte lang hat Thomas Quasthoff als Sänger auf internationalen Bühnen Maßstäbe gesetzt; im Januar 2012 beendete er diese beispiellose Karriere. Dem Gesang und der Kunst bleibt er weiter eng verbunden: U. a. als Lehrender an der Musikhochschule „Hanns Eisler“ in Berlin oder bei Meisterkursen. Darüber hinaus entdeckte er manch neue Talente an sich und steht als Rezitator, Kabarettist, Moderator und sogar als Schauspieler auf der Bühne.

Thomas Quasthoff hat etwas zu sagen – nicht nur musikalisch. So zeigt er sich in Gesprächsreihen, Lesungen oder auf der Theaterbühne von einer anderen Seite. Quasthoff trat in insgesamt 5 Saisonen in einer vielbejubelten Produktion von Shakespeares „WAS IHR WOLLT“ im Berliner Ensemble in der Rolle des „Narren“ als Schauspieler in Erscheinung. Weitere Höhepunkte der jüngsten Vergangenheit waren Auftritte als Sprecher gemeinsam mit dem Belcea Quartett mit Haydns SIEBEN LETZTE WORTE, in Schönbergs GURRELIEDER mit den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle, in EIN ÜBERLEBENDER AUS WARSCHAU mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Mariss Jansons. 

Zu den künstlerischen Projekten der jüngsten Vergangenheit zählen außerdem ein literarisch-musikalischer Abend rund um Heinrich Heine mit Florian Boesch und Justus Zeyen. Gemeinsam mit der Sopranistin Christiane Karg widmete er sich dem Oeuvre der Schriftstellerin Louise de Vilmorin und rezitierte in einem Liederabend an der Wiener Staatsoper mit dem Tenor Michael Schade Texte von Joseph von Eichendorff.

Vom Deutschen Bundespräsidenten wurde ihm 2005 der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland verliehen und ein Jahr später erhielt er den Europäischen Kulturpreis, der ihm in der Dresdner Frauenkirche überreicht wurde. 2009 wurde Quasthoff mit der Gold Medal der Royal Philharmonic Society in London sowie mit dem Herbert von Karajan Musikpreis des Festspielhauses Baden-Baden ausgezeichnet. Außerdem wurde ihm 2009 der Titel Österreichischer Kammersänger verliehen und 2011 erhielt er die Wigmore Hall Medal.


Veranstaltungsort

Alle Konzerte des Vereins junger Kaufleute Leer finden im Theater an der Blinke in Leer statt.

Weitere Informationen rund um Ihren Konzertbesuch finden Sie auf unserer Service-Seite. Wenn Sie Karten für ein Konzert anfragen möchten, gelangen Sie über „Karten“ zu allen wichtigen Hinweisen.


Konzertkritik

„Ich bin gespannt, was mich erwartet.“, schreibt Charles Backmore am 16. Januar 1917 in sein Tagebuch. Neue Kleidung, ein eigenes Gewehr – der junge Mann ist euphorisch. Endlich etwas tun, um kein Feigling zu sein, neue Erfahrungen sammeln, die ihn weiterbringen sollen. Sie bringen ihn an die Front, in einen Stellungskrieg mit den Deutschen.

Schon nach drei Tagen folgt die Ernüchterung: „Nichts ist so, wie ich es mir vorgestellt habe. Die Zustände in den Gräben sind unerträglich.“ Und nach nur einer Woche: „Ich fange an, es zu bereuen, mich jemals gemeldet zu haben; ich vermisse sie (die Eltern) schrecklich.“

Am Sonntag hatte der Verein junger Kaufleute zu einer Veranstaltung eingeladen, die unter die Haut ging. Thomas Quasthoff las Feldpostbriefe aus dem I. Weltkrieg, das Amatis Trio mit Lea Hausmann (Violine), Samuel Shepherd (Violoncello) und Mengjie Han (Klavier) spielte Stücke der Romantik und der Moderne.

Das schien zumindest schwierig zu werden und dem Publikum eine große mentale Widerstandskraft abzuverlangen. Letztere war in der Tat vonnöten, doch überlautes „Kino“ blieb aus. Zum Glück muss man sagen, denn in den zurückhaltenden Interpretationen der vier Künstler gewann der Abend eine große Eindringlichkeit.

Die geschulte Stimme Thomas Quasthoffs bildete in angenehmer Tiefe einen ruhenden Gegenpol zur Musik. Mit Empathie, doch in beinahe nüchterner Sachlichkeit schuf er jene Distanz zu den Texten, die es brauchte, um von den erschütternden Details nicht überrannt zu werden, sie ertragen zu können. Zwar passte er den Stimmklang an den Tenor der jeweiligen Passagen an, doch nur selten machte er von direkter Textübersetzung in akustisches „Schauspiel“ Gebrauch.

Die Kunst des „Weniger ist mehr“ beherrschte auch das Trio vortrefflich: Klänge im Verzicht auf Vibrato sich entfalten zu lassen, um ihnen ein größeres Gewicht zu verleihen; die Möglichkeiten des äussersten Volumens nur selten auszureizen; die offenkundige mentale Wirkung der Stücke nicht zu überziehen.

Die zumeist kurzen Werke von Korngold, Webern, Schubert, Schumann, Schostakowitsch, Kreisler und Clarke übernahmen verschiedene Parts: mal als „Illustration“ der Texte etwa mit pochenden oder marschierenden Rhythmen, mal als Fortsetzung, wo es keiner Worte mehr bedarf, mal als eigenständiger Beitrag, insbesondere auf der mentalen Ebene.

Sowieso sensibel und intensiv im Umgang mit den Werken bewies das Trio großes Einfühlungsvermögen in die jedesmal ganz eigene Stimmung nach einem Textteil, um die so unterschiedliche Musik genau auf den Punkt bringen zu können. Denn es gab neben Schrecken auch Kuriositäten und Wunder zu hören, wie den Brief einer liebeshungrigen Ehefrau oder die Schilderungen weihnachtlicher Verbrüderungen im zerstörten Niemandsland mit Gesang, Gesprächen und Gelagen.

Über weite Strecken war es völlig still im Saal, jeder empfand die besondere Atmosphäre, die man nicht zu stören wagt. „Im Krieg gibt es keine Gewinner, alle sind Verlierer,“ schrieben deutsche und österreichische Suffragetten an ihre englischen Schwestern. Dieses alles implizierende Schlusswort zusammen mit den letzten Takten Musik, die in ein langes Innehalten mündeten, beschlossen ein berührendes Erlebnis.

Dieser Abend war eine Mahnung: zu verhindern, was nicht sein darf, einzutreten für Würde, gegenseitige Achtung und Menschlichkeit, um etwas zu ermöglichen wie die Weihnachtswunder im Grabenkrieg.

Wie sehr das Publikum Anteil genommen hatte, zeigte sich im Applaus, der ohne zu übertreiben die vier Künstler ehrte, wie ebenso die Menschen, deren Schicksal man posthum einen kurzen Augenblick begleitet hatte.

Barbara Fischer


Impressionen vom Konzert

Foto: © Fokko Schwab
Foto: © Fokko Schwab
Foto: © Tamme Bockelmann
Foto: © Tamme Bockelmann