5. Konzert: Kammerakademie Potsdam
Lange war es aufgrund der angespannten Wetterlage nicht klar, ob das Eröffnungskonzert zum 150. Jubiläum des Vereins junger Kaufleute mit dem Gastspiel der Kammerakademie Potsdam tatsächlich stattfinden würde. Am Sonntagmorgen um 8 Uhr startete dann die Mission Ostfriesland für die Orchestermitglieder. Die Zugreise über Hannover und Osnabrück endete in Rheine, dort stand ein Bus bereit, um die Musiker mit vergleichsweise geringer Verspätung nach Leer zu bringen. Bereits um 15 Uhr war der Lieferwagen mit den Orchesterwarten und dem Instrumentarium am Theater an der Blinke angekommen. So wurde ab dann fleißig aufgebaut und eingestellt mit einem vergleichsweise großen Instrumentarium (5 Pauken, Harfe etc.).
Der Musik merkte man die Reisestrapazen nicht an. Mit viel Verve begann die Mozart-Ouvertüre zur Hochzeit des Figaro, gefolgt von einem französischen Programm mit Werken von Poulenc und Ibert. Im Mittelpunkt der ersten Hälfte stand das Cellokonzert Nr. 1 von Saint-Saens, das von Jean-Guihen Queyras klangschön dargeboten wurde.
Die Zugabe am Ende war vielen vielleicht bekannt, aber woher?? Der „Typewriter“ von Leroy Anderson ist nicht zuletzt durch die pantomimische Darstellung von Jerry Lewis aus dem Film „Der Ladenhüter“ (OT: Who’s Minding the Store?) aus dem Jahr 1963 bekannt geworden. So war es an seiner Stelle der Schlagzeuger des Ensembles, Friedemann Werzlau, vorbehalten, die Continental-Schreibmaschine im Takt zu schlagen. Was ihm zum Vergnügen des Publikums und der Orchesterkollegen wunderbar gelang.
Konzertkritik
Das Wetter meinte es gut mit dem Verein junger Kaufleute: pünktlich zum Konzert mit der Kammerakademie Potsdam legten Schnee und Eis eine Verschnaufpause ein. Und Schnee und Eis zum Trotz hatten sich die gut vierzig Musiker auf die fast halbtägige Reise nach Ostfriesland gemacht. Diesen Bonuspunkt brauchte das Orchester beim Publikum nicht einzulösen, denn die Hörer waren durchweg begeistert. Doch der Reihe nach: es gab eine kurze Mozart-Phase des Sich-Zurecht-Ruckelns in dem nun gut gefüllten Saal, dann ging die Schlittenpost ab. Wer nicht gleich zu Beginn auf den Potsdam-Express aufgesprungen war, musste sehen, wie er mit dem Hören hinterherkam. Konzentration von Anfang an, nein, eigentlich schon vor den ersten Tönen, das forderte Marta Gardolinska von sämtlichen Anwesenden. Aktiv spielen, aktiv hören. Die Musik zählt. Ein paar forsche Schritte zum Dirigentenpult, ein sehr knappes, fast militärisches Nicken zum Publikum, sich umdrehen, Taktstock heben, dann muss es laufen. Keine Allüren. So etwas kann man nur machen, wenn man sich sicher sein kann, dass die Probenarbeit sitzt und alle wissen, was zu tun ist. Dass Vertrauen und Verlässlichkeit vorhanden sind. Dass alle dieses Konzept mittragen. Mit sehr klaren Anweisungen führt Gardolinska die Kammerakademie durch Mozarts Ouvertüre zum „Figaro“, durch Iberts „Hommage à Mozart“ und die Sinfonietta von Poulenc. Mit engagierten, ausladenden und fordernden wie fließenden Bewegungen nimmt sie das Orchester mit, nehmen insbesondere die Streicher ihre Bewegungen auf, werden Kopf und (Klang)Körper eins. „Zacken“, „Schläge“, Akzente als präzise Vorgaben, die sichtbar und vernehmbar sind. Das gilt ebenso für die absolut nüchternen Schlusspunkte. Gefühlsduselei? Fehlanzeige. Für die Hörer gibt es vor den Werken keine mentale Vorbereitungszeit. Braucht es auch nicht, denn spätestens ab der zweiten Konzerthälfte ist man so gut erzogen, dass man (innerlich) auf der Stuhlkante sitzt und gespannt dabei ist. Keine Zeit, sich gemütlich zurückzulehnen. Aber auch keine Langeweile. Denn neben Tempo und Rasanz gibt es genauso viele Momente musikalischer Poesie. Exemplarisch steht dafür Poulencs Sinfonietta, ein Werk wie der Vogel Wendehals, mit einem roten Faden, der Wellen schlägt zwischen Trauminseln, Grüßen an Komponistenkollegen, auch an die, die vor ihm an diesem Abend zu hören waren, großer Oper und Harlekinade zwischen Wiener Neujahrskonzert und Karneval, vorgetragen in Gardolinskas pragmatischer Erzählweise, in die sich das Orchester mit Überzeugung und großer Spielfreude einklinkt. Saint-Saens’ erstes Cellokonzert fügt sich ein, mit Jean-Guihen Queyras, der nun seinerseits die anderen Musiker mitnimmt, mit ihnen Schmelz und Leichtigkeit als Gleichberechtigte vereint, die Stellen zum Innehalten aufspürt und sie behutsam ins Bühnenlicht holt, die kernigen Passagen auslebt, ohne die Musik dahinter zu verdecken. „Après un rève“ von Fauré war nur die erste von die erste von zwei Überraschungs-Zugaben, die Queyras gemeinsam mit der Cellogruppe der Kammerakademie zelebrierte. Was für ein stiller, ernster, nachdenklicher Klang! Es wäre doch schade gewesen, hätte man diesen Abend versäumt.
Barbara Fischer
Grietje Oldigs-Nannen und Tamme Bockelmann stellen das Programm für die Saison 2026/2027 vor
Die Kammerakademie Potsdam mit Marta Gardolinska beim ersten Stück
Die Kammerakademie Potsdam mit Marta Gardolinska
Jean-Guihen Queyras
Jean-Guihen Queyras mit der Kammerakademie Potsdam
Jean-Guihen Queyras am Violoncello bei der Zugabe
Jean-Guihen Queyras mit der Cellogruppe der Kammerakademie Potsdam
Der Schlagzeuger des Ensembles Friedemann Werzlau an der Schreibmaschine
Die Kammerakademie Potsdam bei der Zugabe
Die Kammerakademie Potsdam bei der Probe
Continental – Typewriter
Die Instrumente kommen gut geschützt auf der Bühne an












