3. Konzert: Liederabend: Axelle Fanyo – Sopran, Fleur Barron – Mezzosopran, Julius Drake – Klavier

Erst im Nachgang des Liederabends am vergangenen Samstag im Theater an der Blinke wurde den Verantwortlichen bekannt, dass Leer (mal wieder) der Standort eines Tournee-Auftaktes wurde. Denn das dargebotene Programm des Kabaretts über die Sieben Todsünden wird das Trio mit Axelle Fanyo (Sopran), Fleur Barron (Mezzosopran) und Julius Drake am Klavier noch in Paris, London und Leeds zum Besten geben.

Es war ein bunt gemischtes und gut inszeniertes Programm aus klassischem Liedgut, Jazzstandards und „Songs“, die jeder schon mal gehört hat. Klar merken konnte man die unterschiedlichen Anforderungen an die Stimmen bzw. Stimmlagen. Bestreitet man so ein Programm lieber mit ausgebildeten Opernsängern*innen oder lieber mit Musikern aus dem Bereich Jazz? Frau Fischer hat dies in Ihrer Kritik gut dargestellt (s. u.).

Auffallend war jedenfalls gerade in den Duetten, dass die beiden Stimmen der Sängerinnen unglaublich gut zusammenpassten, so dass man schon hinsehen musste um zu erkennen, wer gerade singt. Und Julius Drake muss ein Extra-Kompliment gebühren: Sich als Pianist so sicher durch verschiedenste Tonarten, Rhythmen und musikalischen Kontexten in kürzester Zeit fehlerfrei zu bewegen, dass zeigt den echten Profi!

Dem Publikum wurde von den Musikern im Anschluss ein hohes Maß an Konzentrationsfähigkeit bescheinigt. Und die sonst im Erkältungsmonat einsetzenden Publikumshuster hielten sich in absoluten Grenzen. Ein Genuss für die Menschen auf und vor der Bühne.

Konzertkritik

Nasskaltes Novemberwetter, trübe Tage, lange Dunkelheit – und es ist noch nicht einmal Halbzeit vom Herbst, geschweige denn Winter. Sich dagegen aufzulehnen, Missmut und Griesgrämigkeit zu vertreiben, scheint dem Menschen angeboren zu sein. Mal ein bisschen über die Stränge zu schlagen tut da gut; wohlgemerkt: nur ein kleines bisschen. Sonst entwickelt sich normaler Ärger zum Zorn, eine kurze Prahlerei zu überheblichem Stolz, etwas Neid zu wahrer Missgunst, Faulheit, Völlerei, Unzucht und Gier noch nicht einmal berücksichtigt. Aus menschlichen Schwächen werden Laster, die die frühmittelalterliche Kirche im Katalog der „sieben Todsünden“ zusammenfasste und ständige Kontrolle und Askese vorschrieb. Nur schafft das keiner und Spaß macht es auch nicht. Ein bisschen Spaß muss aber sein, dachten sich Axelle Fanyo (Sopran), Fleur Barron (Mezzosopran) und Julius Drake (Klavier) bei der Choreographie des Lieder-Song-Abends, den man am Samstag in der Blinke beim Konzert junger Kaufleute erleben konnte. Geschichten über „perfekte“ Menschen sind mindestens unspektakulär; spannend wird es erst, wenn Emotionen hochkochen und der Anstand aus den Fugen gerät. Auf der Bühne lässt sich dieses durch Mimik, Gestik und über die Sprache wirkungsvoll darstellen. Und kommt Musik hinzu, hebt sich das Ganze auf eine noch kunstvollere Ebene. So inszenierte das Trio eine Quasi-Oper im Taschenformat mit Liedern und Songs aus zwei Jahrhunderten mit Kompositionen von Brahms, Mahler, Ravel, Schönberg, Weill, Gershwin und anderen, deren schillernde Auswahl sich am Leitfaden der Todsünden orientierte. Julius Drake, mehr als nur ein Begleiter, wandelte traumwandlerisch sicher zwischen den Stilen, baute Kulissen, rollte Teppiche aus oder beließ es beim harten Bretterboden, legte Stimmungen an und schuf fließende Übergänge zur nächsten Szene, kurz: ein immer verlässliches klingendes Netz für die beiden Sängerinnen, das zudem seinen eigenen Charme und Witz besaß. Mit Axelle Fanyo und Fleur Barron stand ein Duo auf der Bühne, das nicht nur stimmlich, sondern auch im Agieren

harmonierte, sich die einzelnen Nummern teilte oder als Duett mit offensichtlichem Spaß an der szenischen Ausgestaltung auftrat. Beide powerten anfänglich mit starkem Vibrato, das zuweilen Töne und Text überlagerte. Doch schwand zunehmend der Druck und machte Platz für pure Emotionen wie Hass und Zorn, Schadenfreude, aber auch Liebeskummer, Satire und Übermut. Dabei schreckten Fanyo und Barron weder vor dem Einsatz der Sprechstimme noch vor überzogenen oder gar „hässlichen“ Tönen zurück, und sich der Inhalt der Lieder auf diese Weise zumeist auch ohne Textblatt oder Übersetzung von selbst erklärte. Charmant und überzeugend umgarnten die Zwei das Publikum derart, dass wohl ein jeder Gefallen an der Sünde fand. Ein kleines Extra hatte die Ausleuchtung noch parat: es wechselten die Hintergrundfarben mit den einzelnen Abschnitten passend zum jeweiligen Charakter der jeweiligen „Sünde“: vom Zornesrot bis zum entspannten Blau der Trägheit und rundeten so auch optisch diesen gut durchdachten, facettenreichen, „unklassischen“ Lieder-Song-Abend ab. Großer Applaus! Und die Zugabe: natürlich die Liebe, Poulenc, L’Amour…

Barbara Fischer

Julius Drake, Axelle Fanyo und Fleur Barronvor der Zugabe

Julius Drake, Fleur Barron und Axelle Fanyo nach der Pause

Julius Drake, Fleur Barron und Axelle Fanyo beim ersten Stück

Fleur Barron und Axelle Fanyo