6. Konzert: Jerusalem Quartet, Elisabeth Leonskaja – Klavier

Die Verantwortlichen hatten sich eine wunderbare Programmkombination einfallen lassen für das Konzert mit dem Jerusalem-Quartet, das gemeinsam mit Elisabeth Leonskaja am Flügel am vergangenen Samstagabend im Theater an der Blinke zu Gast war. Erst ein Streichquartett (das „Dissonanzen-Quartett“ von Mozart), dann Schuberts Drei Klavierstücke D 946 und nach der Pause als Gemeinschaftsprojekt das 2. Klavierquintett von Dvorak.

Elisabeth Leonskaja genoss ihr „Heimspiel“ in vollen Zügen und nach einer kleinen Ansprache zum Jubiläum des VjK zeigte sie in ihrer Solo-Darbietung, dass sie auch mit über 80 Jahren zu den besten Pianistinnen unserer Zeit gehört. Auch wenn sie den jetzigen Flügel nicht ausgesucht hatte (was für das Vorgänger-Modell ja galt), so kam sie mit dem Instrument bestens zurecht und zauberte ein absolut beglückendes Pianissimo gerade im zweiten der drei Stücke von Schubert auf die Tasten.

Nach dem feurigen Abschluss des Dvoraks war die Zugabe, der langsame Satz aus dem Klavierquintett von Brahms, genau das richtige Werk, um einen denkwürdigen Abend zu beschließen. Und da zeigte sich, wie „wohlerzogen“ und sensibel das Leeraner Publikum sich präsentierte: Die letzten leisen Töne des Satzes ließ man ganz lange verklingen, kein zu frühes Klatschen oder Abhusten, wie toll war das denn? Die stehenden Ovationen hatten sich die Musiker dann aber auch wirklich verdient.

Konzertkritik

Kaffee, Cola, Traubenzucker: die bringen einen auf Trab und können auch schlaflose Nächte bescheren. Die gleiche, aber weitaus gesündere und nachhaltigere Wirkung besitzt das Jerusalem Quartet. Wer erinnert sich schon an ein Glas der süßen Sprudelei oder ein Käffchen! Viele der Besucher des Konzertes des Vereins junger Kaufleute am Samstag jedoch werden noch lange daran denken, wie beschwingt, angeregt, vielleicht sogar aufgekratzt sie an dem Abend nach Hause gingen. Doch es war nicht allein den vier Herren zu verdanken, denn eine Grande Dame der Musikwelt hatte genauso viel Anteil daran: die Pianistin Elisabeth Leonskaja. Dabei hatte der Abend mit (gewollter) Verwirrung begonnen; der Beginn von Mozarts „Dissonanzen-Quartett“ führt den Hörer in nur wenigen Takten derart in die Irre, bis er sich fast völlig im Tonarten-Dickicht verfangen hat. Doch schnelle Rettung in fröhlichem C-Dur ist nahe, und diese Freude über den wiedergefundenen Durchblick setzten die vier Streicher so schwungvoll und mit großer Leichtigkeit um, dass nachfolgende Dissonanzen temporeich hinweggewischt wurden. In solchem Überschwang dennoch an einem Strang zu ziehen und ihn gemeinsam kunstvoll zu verflechten ist die hohe Schule der Kammermusik, und die beherrscht das Jerusalem Quartet perfekt. Solo-Auftritt vorerst auch für die Pianistin: „Drei Klavierstücke“ von Franz Schubert, eine Hommage an die Kulturförderin Margarete Schumacher, mit der Leonskaja eine langjährige Freundschaft verband. Einige berührende Worte der Künstlerin vorweg brachten nicht nur diese Verbundenheit zum Ausdruck, sondern prägten auch ihre Interpretation. Im Saal war es sehr still, denn man spürte, dass hier jemand nicht vor einem anonymen Publikum spielte, sondern ein Brücke zu den Menschen, zum Raum, zu ihren und den eigenen Erinnerungen schlug. Natürlich war alles metrisch genau, die Dynamik stimmte ebenso wie die Tempi, und doch atmete alles eine innere Freiheit, die man sich nur im Laufe eines langen Künstlerlebens aneignen kann, und in Verbindung mit großer Wärme entfaltete sich ein beeindruckender Vortrag. Auch Dvoráks Klavierquintett A-Dur wurde zu einem beeindruckenden und mitreißenden Musikerlebnis. Eine Vielzahl wunderbar gesungener Kantilenen sorgten für die nötige Beseeltheit, lautstarke und lebhafte Konversationen dazwischen sorgten für reichliche intensive und großartige Momente, in denen auf der Bühne etwas Greifbares entstand. Große Gesten, einfache Gefühle: in stetem Hin-und-Hergerissensein zwischen beiden und in teils rauschhaftem Strudel präsentierten die Fünf Dvorák als begeisternden Klang-Poeten. Riesenbeifall. Nach einer großzügigen Zugabe (Brahms) war es sehr lange still im Publikum vor dem subito-fortissimo-Applaus für einen besonderen Abend.

Barbara Fischer

Elisabeth Leonskja berichtet, dass sie damals mit Margarete Schumacher den ersten Steinway & Sons Flügel für den Verein in Hamburg ausgesucht hat.

Elisabeth Leonskaja widmet im Jubiläumsjahr des Vereins Franz Schuberts “Drei Klavierstücke D 946” Margarete Schumacher

Margarete Schumacher hat die Konzertreihe des Vereins junge Kaufleute nach dem zweiten Weltkrieg mit visionärer Energie aufgebaut.

Das Jerusalem Quartet und Elisabeth Leonskaja nach der Zugabe